Holzmodulbau: Ein Eventschiff in Brasilien, das Schiffsbautradition, Vorfertigung und Rothoblaas-Verbindungen meisterhaft vereint
Einer der beeindruckendsten Orte an der Nordostküste Brasiliens ist Lagoa das Guaraíras, eine Lagune, die von einer Geschichte des Wandels erzählt. Über Jahrhunderte blieb diese Süßwasserlagune vom Ozean getrennt, bis die verheerenden Überschwemmungen von 1924 die Sandbank, die sie vom Meer abgegrenzte, endgültig wegrissen. Seither bilden Lagune und Ozean ein einzigartiges Gleichgewicht, das die Landschaft, das Ökosystem und selbst die Identität der lokalen Gemeinschaft von Tibau do Sul prägt: Der Name bedeutet in der Sprache des indigenen Volkes der Potiguar „zwischen zwei Gewässern“.
Nur wenige Breitengrade vom Äquator entfernt offenbart dieser Ort ein seltenes Naturschauspiel: In Vollmondnächten geht die Sonne im Westen fast genau in dem Moment unter, in dem der Mond im Osten über dem Atlantik emporsteigt. Zwei um 180° voneinander getrennte Himmelskörper, die sich im Wasser spiegeln und so ein außergewöhnliches Schauspiel aus Licht, Farbe und Bewegung zaubern.
Diese besondere geografische und astronomische Lage inspirierte die Idee des Modular Timber Boat: ein Meisterstück der Modulbauweise, das vom spanischen Architekten Daniel Florez entworfen wurde. Eine schwimmende Veranstaltungsplattform übersetzt den Dialog von Sonne, Mond und Horizont in Architektur: „Ihre Kreisform erinnert an drei perfekte Kugeln, die scheinbar aus dem Wasser auftauchen und ebenso wieder versinken, wodurch ein Naturphänomen zu einem eindrucksvollen räumlichen Erlebnis wird“, erklärt Florez.
Modular Timber Boat: Wo Tradition auf Innovation trifft
Während das Konzept sich aus der besonderen Landschaft entwickelte, basiert die Bauweise auf dem lokalen Produktionsumfeld. Im Nordosten Brasiliens gibt es keine ausgeprägte industrielle Infrastruktur zur Herstellung großer vorgefertigter Konstruktionen. Doch diese Region bewahrt eine lebendige Tradition der Holzverarbeitung und des Bootsbaus, die seit Generationen von Zimmerleuten und Werften weitergegeben wird. Für das Planungsteam bestand die Herausforderung darin, einen modernen Vorfertigungsansatz zu entwickeln, der das lokale handwerkliche Wissen und die verfügbaren Werkzeuge berücksichtigt. Daraus entstand das Konzept der „handwerklichen Industrialisierung“: Ein Produktionssystem, das die Grundsätze modularen und standardisierten Bauens mit lokalem Fachwissen und den regional verfügbaren Materialien verbindet.
Die gesamte Fertigung wurde auf zwei Standorte verteilt. In einem etwa 15 km vom endgültigen Standort entfernten Sägewerk entstanden die Holzbaumodule, Balken und Pfosten. Gleichzeitig konstruierten Fachkräfte in einer ungefähr 250 Seemeilen entfernten Werft die Katamaranrümpfe aus Glasfaser, die später das Fundament der Konstruktion bilden sollten. Nach Abschluss der Arbeiten wurden alle Elemente zum Aufstellungsort transportiert und dort zusammengesetzt.
Ein Modulbau aus Massaranduba, einem Tropenholz von außergewöhnlicher Dichte
Das Herzstück des Projekts bildet eine Überdachung, die aus elf großen, vorgefertigten dreieckigen Modulen besteht. Jedes dieser Module wiegt über 1.100 kg und besteht aus Massaranduba, einem Tropenholz aus dem Amazonasgebiet, das aufgrund seiner hohen Dichte, Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen Witterungseinflüsse besonders geschätzt wird. Die Wahl dieses Holzes ergab sich aus der Notwendigkeit, eine zuverlässige Leistung in einer Umgebung zu garantieren, die ständig intensiver Sonneneinstrahlung, Feuchtigkeit und salzhaltiger Luft ausgesetzt ist. Die dreieckige Geometrie erlaubt eine effiziente Lastverteilung und schafft zugleich einen unverwechselbaren architektonischen Effekt. Die Module filtern das einfallende Tageslicht und gestalten so schattige, geschützte Räume. Dadurch verwandelt sich das Bauwerk in einen idealen Ort für Veranstaltungen und Begegnungen vor der atemberaubenden Kulisse der brasilianischen Lagune.
Die technische Herausforderung: ein Bauvorhaben in einem handwerklichen Umfeld
Für den Bauingenieur Everaldo Pletz lag die größte Herausforderung weniger in der statischen Berechnung der Konstruktion als vielmehr in der praktischen Umsetzung unter Bedingungen, die weit entfernt sind von den üblichen industriellen Fertigungsprozessen. Das Bauwerk vereint eine komplexe dreidimensionale Geometrie mit großen vorgefertigte Elementen, Tropenhölzern mit sehr hoher Dichte und die Montage an einem abgelegenen Ort im Nordosten Brasiliens. Jede Planungsentscheidung musste daher nicht nur die statischen Anforderungen berücksichtigen, sondern auch die Transportmöglichkeiten, Baustellenlogistik, Montageabläufe und das Management der Arbeiten vor Ort präzise aufeinander abstimmen.
Die Modularität spielte dabei zweifellos eine entscheidende Rolle. Durch die wiederholte Verwendung der dreieckigen Elemente ließ sich das Fehlerrisiko während der Produktion deutlich reduzieren, der Transport einfacher gestalten und die Endmontage spürbar beschleunigen.
Diese Rothoblaas-Verbindungen ermöglichten das gesamte Projekt
Um die Herausforderungen bei der Holzmodulbauweise aus Massaranduba – einem der dichtesten und widerstandsfähigsten Baumaterialien – zu meistern, setzte das Team von Florez und Pletz auf ein integriertes Rothoblaas-Verbindungssystem. Dabei übernahmen die Schrauben HBS PLATE EVO eine Schlüsselrolle: Speziell für Holz-Stahl-Verbindungen entwickelt, sind sie dank der besonderen Mehrfachbeschichtung C4 EVO mit einer Stärke von 20 μm ideal für den Außeneinsatz. Die besondere Geometrie des Unterkopfes und das optimierte Gewinde sorgen für hohe Scher- und Zugfestigkeit der Schrauben, eine effiziente Verteilung der Belastungen auf der Metallplatte sowie längere Haltbarkeit selbst bei widrigen Bedingungen. Diese Eigenschaften sind gerade für eine schwimmende Konstruktion in einem Umfeld mit Feuchtigkeit, Salznebel und starken Klimaschwankungen von entscheidender Bedeutung.
Zur Verstärkung der Hauptverbindungen kamen außerdem die Vollgewindeschrauben VGZ zum Einsatz. Sie sind für statisch belastbare Verbindungen selbst bei hochdichtem Holz zugelassen und sorgen durch das Vollgewinde und den Zylinderkopf für eine wirkungsvolle Lastübertragung sowie starre und präzise Verbindungen. Besonders eignen sie sich für verdeckte Verbindungen, Bewehrungen und Konstruktionen, die hohen Belastungen standhalten müssen. Ferner trugen die HBS-Schrauben mit ihrem ausgezeichneten Einschraubverhalten und ihrer zertifizierten Leistung maßgeblich dazu bei, die Montagearbeiten deutlich zu beschleunigen. Dadurch konnten die lokalen Fachkräfte in allen Bauphasen zuverlässige und wiederholgenaue Verbindungen herstellen.
Von der Technologie zum Wissenstransfer
Einer der faszinierendsten Aspekte des Projekts betrifft die Zusammenarbeit, die sich auf der Baustelle entwickelte. Viele der beteiligten Handwerker verfügten zwar über reiche Erfahrung im traditionellen Schiffsbau, hatten jedoch zuvor noch nie mit dieser speziellen Art von Baubefestigungssystemen gearbeitet. Deshalb war es unerlässlich, die Rothoblaas-Verbindungen zunächst in einer Schulungsphase einzuführen.
„Vielleicht war der bemerkenswerteste Aspekt des Projekts, dass die lokalen Arbeitskräfte, die mit dieser Technologie bislang nicht vertraut waren, sie Schritt für Schritt kennenlernten“, betont Ingenieur Pletz. „Selbst die erfahrensten Handwerker erwarben so eine ganz neue Vorstellung von Verbindungen. Nach dieser kurzen Lernphase verlief die Montage überraschend schnell und präzise – ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie fortschrittliche technische Lösungen erfolgreich mit traditionellem handwerklichen Wissen verschmelzen können.“
„Das Projekt ist ein anschauliches Beispiel für den Transfer von Technologie“, ergänzt Pletz. „Es zeigt, wie moderne Befestigungssysteme die Möglichkeiten lokaler Bauunternehmen erweitern und zugleich die regionalen Bautraditionen bewahren können.“
Ein Ergebnis, das weit über die einzelnen Bauvorhaben hinausreicht und den unschätzbaren Wert des Zusammenwirkens von technischer Innovation, praxisnaher Ausbildung und den tief verwurzelten handwerklichen Fähigkeiten der Region verdeutlicht.
*Photo credits: images courtesy of Daniel Florez, project architect.
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