Campus Biel/Bienne: Der neue Ingenieurholzbau als Pfosten-und-Balken-Hybridkonstruktion mit mehr als 12.000 m³ verbautem Holz
Der Campus der BFH in Biel: Ein Zusammenspiel von konstruktiver Komplexität, Baustellenlogistik und geeigneten Verbindungssystemen für den neuen Standort der Berner Fachhochschule BFH
Der neue Campus der Bern University of Applied Sciences in Biel ist eines der fortschrittlichsten Beispiele für ein Pfosten-und-Balken-System in der Schweiz. Es verbindet vorgefertigte Elemente aus Holzwerkstoffen wie Brettschichtholz (BSH) und Furnierschichtholz (LVL) aus Buche zu einem harmonischen Bausystem. Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt vereint das Projekt die Fachbereiche Technologie und IT sowie Architektur, Holz und Bauingenieurwesen unter einem Dach und bringt damit zusammen, was an der Hochschule jahrelang über mehrere Standorte verstreut war.
Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Bauvorhaben, das Räumlichkeiten für Lehre, Forschung, Labors und Gemeinschaftseinrichtungen zu einem klar strukturierten, aber dabei in sich geschlossenem Gesamtkomplex verbindet. Der Wert des Projekts geht weit über seine bloßen Dimensionen hinaus: Der Campus zeigt eindrucksvoll, wie beim Holzbau im großen Maßstab die Qualität der Arbeit davon abhängt, Konstruktion, Vorfertigung, Logistik und Verbindungen nahtlos zu koordinieren.
Ein komplexes Holzbau-Ensemble für einen Campus
Der Campus wurde als System verbundener Einheiten konzipiert. Sechs unterschiedlich hohe Gebäudekörper formen eine Anlage, in der sich bebauter Raum und kollektive Orte abwechseln: Innenhöfe, Verbindungswege, Terrassen und öffentliche Bereiche. Diese Anordnung schafft eine besondere Komplexität, die über die architektonische Dimension hinausgeht. Während die Konstruktion eine fein gegliederte Verteilung der Funktionen tragen soll, müssen die Verbindungen zwischen den Gebäuden durchgehend und präzise ausgeführt sein. Dabei konzentriert sich die Planung darauf, in allen Phasen – von der Fertigung bis zur Montage – die Harmonie zwischen den einzelnen Elementen zu gewährleisten.
Die Durchführung des Projekts liegt in den Händen des Generalunternehmers Marti Gesamtleistungen, während die Tragwerksplanung von Ingenieur Wolfram Kübler der WaltGalmarini AG verantwortet wird, einem der renommiertesten Ingenieurbüros der Schweiz für die Planung anspruchsvoller Bauwerke und Mitglied der Jury von BUILD THE (IM)POSSIBLE. Die Holzbauarbeiten übernimmt die Künzli Davos AG. Sebastian Wissing trägt die Gesamtleitung des Projekts und wird von einem 14-köpfigen Team unterstützt, zu dem unter anderem die Ingenieurin Klara Meyerbröker gehört. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Überwachung des Baustellenbetriebs und der Koordination vor Ort.
Bauen in großem Maßstab aus Holz
Mit circa 12.000 m³ verarbeitetem Holz zählt der Campus Biel/Bienne aufgrund seiner Ausdehnung und Komplexität zu den bedeutendsten zeitgenössischen Holzbauprojekten der Schweiz. Es handelt sich um ein Hybridsystem: Die unterirdischen Bereiche und einige tragende Kerne sind aus Beton gefertigt, während die oberirdischen Geschosse so gut wie ausschließlich aus Holz bestehen. Dabei übernimmt die Pfosten-und-Balken-Konstruktion (Post and Beam) aus Holzwerkstoffen eine zentrale Rolle, denn sie leitet die vertikalen Lasten weiter und ermöglicht großzügige Spannweiten sowie flexible Raumgestaltungen. Auf den Balken, ruhen vorgefertigte Filigrandecken aus Beton. Anschließend wird eine Aufbetonschicht aus faserbewehrtem Stahlbeton aufgebracht. Die Konstruktion wird durch zum Teil aus BSP gefertigten tragenden Wänden ergänzt. Diese sorgen für zusätzliche Steifigkeit und Lastverteilung und verbessern das allgemeine Tragverhalten des Gebäudes.
In einem früheren Artikel haben wir uns eingehend mit dem Post-and-Beam-System befasst
Die Verbinder im Pfosten-Balken -Systemen: Ein konstruktives Detail als funktionaler Faktor
Beim Projekt des Campus Biel spielt die Verbindung der Rahmenkonstruktion eine zentrale Rolle für den gesamten Bauablauf. Die Hauptverbindungen zwischen den tragenden Elementen wurden mit dem leistungsstarken System ALUMEGA geschaffen – einem Scharnierverbinder, der speziell für den Ingenieurholzbau in Hauptträger – Nebenträger- sowie Hauptträger - Stütze-Verbindungen in Pfosten-und-Balken-Systemen entwickelt wurde. In einem umfangreichen Projekt muss eine solche Lösung nicht nur die höchste Tragfähigkeit. Ebenso wichtig ist die geometrische Präzision während der Montage und eine schnelle Montagegeschwindigkeit damit die Kontinuität zwischen Vorfertigung und Montage garantiert werden kann.
An den Knotenpunkten und lokalen Verstärkungen wird das Verhalten der Verbindung durch den gezielten Einsatz von zusätzlichen Schrauben optimiert. Dazu gehören Vollgewindeschrauben wie VGS und VGZ, die für Verstärkunge, Bauteilanschlüsse und die Befestigung von ALUMEGA dienen, wie auch die HBS-Schrauben mit Teilgewinde, die sich für einfache Verbindungen eignen. Für sekundäre Verbindungen wurden die verdeckten Verbinder der LOCK-Familie in großem Umfang eingesetzt.
Toleranzen und Montagegenauigkeit
Bei solchen Konstruktionen beeinflusst auch die Montagegeometrie die einwandfreie Funktion der Verbindung. Die VGU-Unterlegscheibe ermöglicht die Montage von VGS-Vollgewindeschrauben auf Stahlplatten mit einer Neigung von 45°und garantiert damit die optimalen Funktionsweise der Schraube unter Scherbeanspruchungen. Eine Tatsache, die einen oftmals unterschätzten Aspekt hervorhebt: Bei Projekten mit dermaßen hohem Vorfertigungsgrad kommt es nicht nur auf die Genauigkeit in der Montage der Hauptträger an, sondern auch auf die Kontrolle der lokalen Geometrie der Verbindung. In umfangreichen vorgefertigten Systemen zählt nicht nur die Präzision bei der Anordnung der Hauptträger, sondern auch die Kontrolle der lokalen Geometrie der Verbindung.
Bei sekundären Verbindungen, bei denen sich Details vielfach wiederholen und die Ausführungszeiten beeinflussen, kommen Lösungen wie Lochblechverbindungen mit LBS-Schrauben zum Einsatz. In diesen Fällen steht weniger die Ausbildung der Hauptknoten im Fokus als vielmehr die Möglichkeit, schnelle, gleichmäßige und kontrollierbare Verbindungen zu realisieren und die Variabilität in der Montagephase zu reduzieren.
Baustellenorganisation und Ausführungszeiten
Der Campus in Biel ist eine der derzeit bedeutendsten öffentlichen Baustellen im Kanton Bern. Bis zu 400 Personen sind hier im Einsatz, wodurch die Planung zu einem entscheidenden Faktor für die Realisierung des Projekts wird. Die einzelnen Montagephasen müssen genau aufeinander abgestimmt sein; die Logistik muss Kontinuität gewährleisten, und die Baustelle mitten im dicht bebauten Stadtgebiet bringt zusätzliche Einschränkungen mit sich. Die Konstruktion aus vorgefertigten Holzbauteilen trägt tatsächlich dazu bei, die Gesamtbauzeit zu verkürzen – vorausgesetzt, die Planung und somit Vorfertigung ist durchgehend koordiniert.
Leistung und Nachhaltigkeit
Der Campus ist nach fortschrittlichen Standards gestaltet, etwa Minergie-P sowie dem Label „Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz“ (SNBS). Diese erfordern eine nahtlose Verknüpfung zwischen Gebäudehülle, Konstruktion und Anlagentechnik. Hier trägt Holz als Baustoff entscheidend zur Verringerung der Umweltbilanz bei. Gleichzeitig verlangt es jedoch ein sorgfältig durchdachtes Management der Betriebsbedingungen über die Zeit hinweg. Auch in diesem Fall wirken sich die Qualität und Präzision der Verbindungen maßgeblich auf die Haltbarkeit und das gesamte Gebäude aus.
Die Baustelle in Biel macht einen zentralen Aspekt des modernen Holzbaus deutlich: Der Maßstab erhöht die Komplexität des Prozesses. Dabei geht es nicht nur um Material oder Technologie, sondern die wechselseitige Einbindung von Planung, Vorfertigung und der Baustelle. In diesem sensiblen Gleichgewicht haben Verbindungssysteme eine präzise Aufgabe: Sie ermöglichen die Ausführung eines komplexen Projekts, bei dem die Montagezeiten, Toleranzen und Leistungen genau kontrolliert werden können und müssen.
Erfahren Sie mehr über die Lösungen und Anwendungsdetails der Verbindungssysteme für großformatige Holzbauten auf der Website . Dort finden Sie technische Anleitungen, praxisnahe Beispiele und Montageanleitungen auch speziell für Pfosten-und-Balken-Systeme.
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